Eulen sind nachtaktiv – oder wie ich lernte, meinen Perfektionismus loszulassen
Ein Blogbeitrag von Lotti, 21
Manchmal sitzt sie schon da, bevor ich es merke. Eine Schattengestalt an meinem Fenster.
Still und geduldig.
Sie sagt nichts, sie schaut nur.
Und dieses Schauen reicht.
Ich glaube, mein Perfektionismus ist eine Eule.
Eine Eule, die niemand sonst sehen oder hören kann.
Obwohl ich sie nicht wirklich mag, lasse ich sie oft auf meiner Schulter sitzen.
Leise. Geduldig. Scharfäugig späht sie dann in meinen Laptop hinein, verfolgt jede Formulierung, jedes Komma, jede Unsicherheit zwischen den Zeilen.
Sie ist zwar kein lautes Tier, aber sie arbeitet feinsinnig.
„Das geht besser“, flüstert sie leise.
Aber ich höre es trotzdem.
Sie ist achtsam, wach und immer bereit, Fehler zu entdecken, bevor es andere tun.
Und ich muss zugeben: Das war nicht immer schlecht.
Sie hat mich Dinge sauber zu Ende denken lassen.
Mich antreiben, feilen, verbessern lassen.
Dafür gesorgt, dass ich nicht halb fertig abgebe.
Aber sie kennt kein Maß.
Schreibe ich eine Bewerbung, reicht ein kleiner Zweifel und sie klappt die Flügel aus.
„Noch nicht gut genug.“
„Noch einmal überarbeiten.“
„Du kannst mehr.“
Manchmal schnippt sie laut mit ihren Krallen, genau dann, wenn ich etwas Neues beginnen möchte.
Dieses Schnippen ist dann plötzlich so laut, dass ich gar nicht erst anfange.
Und plötzlich beginne ich nicht mehr frei, sondern richtig.
Eulen sind nachtaktiv.
Meine auch.
Abends liegt sie wach, während ich versuche zu schlafen.
Sie wiederholt Sätze. Bewertet Auftritte. Analysiert Gespräche.
Sie liebt es in Kreisen über meinen Kopf zu fliegen. Das Zweifeln. Das endlose Durchspielen von Szenarien.
Nicht aus Angst.
Sondern aus Anspruch.
Besonders deutlich wird sie in Schwellenmomenten.
Vor einem Umzug.
Vor einem Praktikum.
Vor etwas Neuem.
Dann wird sie größer. Strenger.
Als müsste sie mich noch einmal auf Hochglanz polieren, bevor ich gesehen werde.
Lange dachte ich, sie sei einfach ein Teil meines Ehrgeizes.
Bis ich verstand, warum sie überhaupt da ist.
Perfektionismus entsteht nicht aus Bosheit.
Er entsteht aus dem Wunsch, bestehen zu wollen.
Gesehen zu werden, und zwar richtig.
Nicht angreifbar zu sein.
Nicht mittelmäßig.
Lange habe ich geglaubt, dass sie mein Gegner ist.
Bis ich verstanden habe, warum sie überhaupt da ist.
Eulen sind Wächter. Sie sehen im Dunkeln. Sie schützen vor Gefahren, die andere übersehen.
Mit der Zeit habe ich gemerkt, was sie mir neben guten Noten und sauberen Texten auch bringt:
Verzögerung.
Überarbeitung.
Zweifel, bevor überhaupt jemand anderes zweifelt.
Reisen, die ich zu lange geplant habe.
Ideen, die nie „perfekt genug“ waren, um sie auszusprechen.
Projekte, die in Ordnern liegen, weil sie noch „Feinschliff“ brauchen.
Perfektionismus schützt vor Kritik.
Aber er verhindert auch Bewegung.
Es gibt Dinge, die sie irritieren.
Ein Text, der nicht hundertmal gelesen wird.
Eine Aufgabe, die gut aber nicht makellos ist.
Ein mutiger Schritt, obwohl noch nicht alles kontrolliert ist.
Aber am meisten verunsichert sie etwas anderes:
Wenn ich sie bewusst betrachte.
Wenn ich erkenne, dass sie nicht meine Identität ist,
sondern nur ein Mechanismus.
Manchmal sitzt sie nachts noch am Fenster.
Geduldig. Bewertend. Bereit.
Aber ich weiß jetzt:
Nicht jeder Schritt muss poliert sein, um wertvoll zu sein.
Und vielleicht sitzt auch auf deiner Schulter eine Eule.
Mit hohen Ansprüchen und guten Absichten.
Vielleicht hat sie dich weit gebracht.
Aber vielleicht darfst du entscheiden, wann „gut genug“ wirklich genug ist.
Manchmal ist Unfertigkeit kein Versagen.
Sondern Freiheit.
Weil wir gemeinsam stärker sind!
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