Zwischen Abschweifen und Ankommen

Fokus und Konzentration in der Selbsthilfe. Was bedeutet das eigentlich?

Diese Begriffe werden oft gleichgesetzt, obwohl sie nicht dasselbe meinen.

Konzentration beschreibt die Fähigkeit, über einen gewissen Zeitraum aufmerksam bei einer Sache zu bleiben. Fokus hingegen meint eher die bewusste Ausrichtung der eigenen Aufmerksamkeit, also die Frage, worauf ich meine Energie in einem bestimmten Moment richte.

In der Selbsthilfe spielen beide Aspekte eine besondere Rolle.

Viele Teilnehmende bringen eigene Belastungen, Symptome oder emotionale Themen mit. Dadurch kann die Konzentration stark schwanken, je nach Tagesform, Erkrankung oder aktueller Lebenssituation.

Gleichzeitig entsteht Fokus in der Selbsthilfe selten nur individuell. Gerade in Gruppen entwickelt er sich oft im gemeinsamen Austausch, durch Struktur, Vertrauen und passende Rahmenbedingungen.

Selbsthilfe bedeutet daher nicht, jederzeit aufmerksam sein zu müssen. Vielmehr geht es darum, Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Bedürfnisse und Zustände Platz haben dürfen

Manchmal bin ich da und gleichzeitig nicht

Oft sitze ich in einem Treffen und merke, dass ich zwar anwesend bin, aber nicht wirklich da.

Ich höre die Stimmen der anderen, nicke vielleicht sogar zustimmend, aber innerlich bin ich schon ein Stück weg. Jemand spricht, ich nehme die ersten Worte wahr, und im nächsten Moment merke ich, dass ich den Anschluss verliere und nicht mehr richtig folgen kann.

Früher habe ich solche Momente als persönliches Scheitern gesehen. Ich dachte, ich müsste mich einfach mehr anstrengen, konzentrierter sein und besser „funktionieren“. Heute weiß ich, dass es nicht so einfach ist.

Konzentration ist nicht neutral

In der Selbsthilfe ist Konzentration nie nur eine Frage von Aufmerksamkeit oder Disziplin.

Sie hängt mit vielen Dingen zusammen, zum Beispiel damit, wie es mir körperlich geht, wie nah mir die Themen gehen oder ob ich mich in der Gruppe sicher fühle.

Ich habe gelernt, mein Abschweifen anders zu sehen. Nicht als etwas, das ich sofort ändern muss, sondern als Hinweis darauf, dass ich gerade an meine Grenze komme.

Fokus entsteht im Miteinander

Was mir im Laufe der Zeit besonders geholfen hat, ist die Erkenntnis, dass Fokus nicht nur meine eigene Aufgabe ist.

Gerade in Selbsthilfegruppen entsteht er auch durch die Gruppe.

Wenn ein Treffen klar moderiert wird, wenn es Pausen gibt und wenn ich weiß, wann ich sprechen kann, fällt es mir deutlich leichter, präsent zu bleiben. Struktur gibt Halt, ohne Druck zu erzeugen.

Ich erinnere mich an einen Moment in einer Gruppe, in dem jemand sagte: „Lass uns kurz sammeln, worum es gerade geht.“ In diesem Moment hat sich etwas verändert. Die Gedanken wurden sortierter, die Aufmerksamkeit kehrte zurück und plötzlich waren alle wieder mehr im Gespräch angekommen.

Fokus ist dann nichts rein Individuelles mehr, sondern etwas, das wir gemeinsam herstellen.

Kleine Strategien, große Wirkung

Mit der Zeit habe ich für mich Wege gefunden, die mir im Umgang mit solchen Momenten helfen.

Es kann schon unterstützen, Notizen zu machen, auch wenn sie unstrukturiert sind. Manchmal hilft es, den Raum kurz zu verlassen, wenn es zu viel wird, und später wieder zurückzukommen. An anderen Tagen entscheide ich mich bewusst dafür, einfach nur zuzuhören, ohne den Anspruch, alles aktiv mitgestalten zu müssen.

Und manchmal sage ich offen, dass ich den Faden verloren habe und bitte darum, das Gesagte noch einmal kurz zusammenzufassen.

Was dabei für mich am wichtigsten geworden ist, ist ein anderer Umgang mit mir selbst. Weniger Druck, weniger Bewertung und mehr Verständnis für meine eigene Situation.

Unterschiedlichkeit ist keine Schwäche

In unserer Gruppe erlebe ich immer wieder, wie unterschiedlich Menschen mit solchen Situationen umgehen.

Manche sind durchgehend präsent und sehr aktiv. Andere bringen sich weniger ein oder sind zeitweise stiller. Wieder andere verlieren zwischendurch den Anschluss und finden später wieder zurück.

Und genau diese Unterschiedlichkeit ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.

Selbsthilfe bedeutet nicht, dass alle gleich funktionieren müssen. Es geht vielmehr darum, gemeinsam Wege zu finden, wie wir trotz unserer Unterschiede miteinander in Verbindung bleiben können.

 

Fokus ist kein Ziel

Ich glaube inzwischen, dass Fokus kein Zustand ist, den man einmal erreicht und dann hält.

Er ist eher ein Prozess. Ein immer wieder neues Ausrichten der eigenen Aufmerksamkeit, das sich verändern darf.

Manchmal gelingt das alleine, oft aber auch erst im Miteinander mit anderen.

Und vielleicht liegt genau darin die Stärke von Selbsthilfe. Dass wir nicht perfekt sein müssen, um dazuzugehören, sondern genau so kommen können, wie wir gerade sind.









chevron-up Created with Sketch Beta.