Selbsthilfe in stressigen Phasen

Selbsthilfe in stressigen Phasen – oder: Wie ich lernen musste, mir wieder selbst zuzuhören

Ich möchte euch in diesem Blog in eine Phase meines Lebens mitnehmen, die mich auf mehr Arten und Weisen aus der Bahn geworfen hat, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.

Ich zeichne euch mal ein Bild. Ich bin im letzten Semester meines Bachelors und glücklicherweise steht an der Uni nur noch meine Bachelorarbeit an. Im Sommer davor nehme ich deshalb dankend das Angebot an, zwei Tutorien für jüngere Studierende zu übernehmen. Die Inhalte des einen Kurses kenne ich bereits, der andere wird eine spannende neue Herausforderung. Eigentlich sieht alles ziemlich gut aus – wenn da nicht noch ein kleines Detail wäre: mein Werkstudentinnenjob. Ich arbeite 15 Stunden pro Woche in einer kleinen Social-Media-Agentur und unterstütze dort meinen Chef. Klein heißt in diesem Fall: Wir sind genau zwei Personen. Und Social Media schläft bekanntlich leider nie. Das hatte mich schon früh im Arbeitsverhältnis an meine Grenzen gebracht. Ich hatte bereits gekündigt, aber mein Chef war so verzweifelt, dass ich einfach nicht „Nein“ sagen konnte. Also sagte ich zu, noch drei Monate zur Übergabe zu bleiben.

Und plötzlich sitze ich da: mit einer Vollzeit-Bachelorarbeit und drei Jobs, die alle zu unterschiedlichen Tageszeiten stattfinden und irgendwie nie wirklich abgeschlossen sind. Mir ist klar, dass ich mich jetzt richtig organisieren muss, um alles unter einen Hut zu bekommen. Anfangs klappt das sogar erstaunlich gut. Ich plane meine Tage minutiös durch, werde allen Aufgaben gerecht und hake jeden Abend meine To-do-Liste ab. Ich falle zwar völlig erschöpft ins Bett, aber immerhin habe ich alles geschafft. Nur bleibt dabei nach und nach alles andere auf der Strecke. Ich bewege mich kaum noch. Einkaufen wird zur Nebensache. Meine WG bekommt mich eigentlich nur noch zu Gesicht, wenn ich kurz durch die Wohnung husche oder stundenlang am Schreibtisch sitze. Mit jedem Morgen werde ich müder. Die Wochenenden, an denen ich sonst ausgeschlafen hätte, verbringe ich jetzt damit, das Studiendesign meiner Bachelorarbeit zu formulieren.

Ich merke, wie ich mich in meinem Körper immer unwohler fühle. Nicht unbedingt, weil sich viel verändert hätte, sondern weil ich das Gefühl habe, mich selbst komplett zu vernachlässigen. Ich bewege mich nicht mehr so, wie es mir guttut, esse oft einfach das, was gerade schnell geht, und in besonders stressigen Tagen meldet sich auch mein Skin Picking wieder zurück. Irgendwann traue ich mich kaum noch, mich im Spiegel anzusehen. Die Situation sieht also… sagen wir mal: ungünstig aus. Dabei weiß ich es eigentlich besser.

Aus den guten Phasen meines Lebens und früherer Erfahrung weiß ich, dass ich Routinen brauche. Ich stelle mir mein Leben gerne wie mehrere Säulen vor, die mich tragen: Freundschaften, Bewegung, gutes Essen, Zeit für mich und akademische Herausforderung. Akademisch gefordert bin ich auf jeden Fall. Der Rest? Eher nicht. Was ich außerdem bemerke: Die negativen Gedanken werden wieder lauter. Ich spreche mit mir selbst über mein Aussehen, meinen Körper und meinen Wert auf eine Art und Weise, wie ich niemals mit einer Freundin sprechen würde. Aber bei mir gelten diese Regeln manchmal plötzlich nicht. Da rede ich mir ein, dass ein besonders hoher Leistungsanspruch an mich selbst doch völlig in Ordnung sei.

Nach einer ganzen Weile voller Selbstmitleid, Traurigkeit und schlechtem Gewissen passiert dann etwas Unerwartetes. Ich werde wütend.

 

Eines Abends komme ich nach der Arbeit nach Hause, setze mich aufs Bett und kann einfach nicht mehr. Ich bin komplett übermüdet, antriebslos und weine einfach zehn Minuten vor mich hin. Und danach? Danach bekomme ich meinen Rappel. Und hier solltet ihr jetzt vielleicht kurz besonders gut aufpassen.

Es reicht. Es reicht mit diesem ständigen Leistungsanspruch. Wenn es mir nicht gut geht, dann geht es mir eben nicht gut. Punkt. Auch wenn es mir letzte Woche noch super ging. Auch wenn ich vorher alles im Griff hatte. Auch wenn andere Menschen vielleicht mehr Belastung aushalten. Es darf mir schlecht gehen. Und noch viel wichtiger: Ich brauche in solchen Momenten Verständnis für mich selbst.

Eigentlich wissen wir doch meistens ziemlich genau, was wir brauchen, wenn es uns nicht gut geht.

Ich weiß zum Beispiel: Ich muss raus an die frische Luft. Ich muss mich bewegen, weil mein Kopf dann endlich wieder frei wird. Ich muss mit Freundinnen sprechen, weil Gedanken ausgesprochen plötzlich viel weniger bedrohlich wirken. Ich muss mein Zimmer aufräumen, weil ein aufgeräumter Raum auch meinen Kopf ruhiger macht. Ich muss etwas Leckeres essen und Zeit mit Menschen verbringen, die mir guttun. Und manchmal brauche ich einfach einen ganzen Tag ohne Wecker. Ohne Plan. Ohne Verpflichtungen. Löst das meine Probleme? Nein. Aber plötzlich habe ich wieder das Gefühl, dass ich der Situation nicht komplett ausgeliefert bin.

Jetzt wird es noch für einen Moment ein bisschen theoretisch. Aber versprochen: Es lohnt sich.

Es gibt nämlich einen ganz natürlichen Grund dafür, warum wir uns ausgerechnet in stressigen Phasen oft so schwer damit tun, gut für uns selbst zu sorgen.
Dieser Grund heißt allostatische Last. Allostase beschreibt den Zustand unseres Körpers, wenn wir über längere Zeit körperlich oder psychisch stark belastet sind. Unser Körper schüttet dann dauerhaft Stresshormone aus, um leistungsfähig zu bleiben.

Das Problem dabei: Je höher diese allostatische Last wird, desto weniger Ressourcen stehen uns für Selbstfürsorge zur Verfügung. Dazu gehören Dinge wie Optimismus, Selbstwirksamkeit, Resilienz, Emotionsregulation, das Gefühl von Kontrolle oder auch die Fähigkeit, soziale Unterstützung anzunehmen.

Mit anderen Worten: Ausgerechnet dann, wenn wir Selbstfürsorge am dringendsten brauchen, fällt sie uns biologisch am schwersten. Und genau deshalb ist es so wichtig, sich in stressigen Zeiten nicht darauf zu verlassen, dass man schon „irgendwie motiviert“ sein wird.

Viel hilfreicher ist es, sich auf Dinge zu stützen, von denen man bereits weiß, dass sie einem guttun.

Damit sind wir wieder bei meiner Geschichte

Ich saß also völlig überfordert auf meinem Bett, hatte Tränen in den Augen und das Gefühl, unter diesem riesigen Berg an Aufgaben zu verschwinden. Und dann dachte ich mir: Jetzt reicht’s. Mir hilft ein Plan. Also habe ich einen geschrieben.

Nein, ich lade am Samstagabend nicht noch schnell einen Instagram-Post für meinen Chef hoch.

Nein, ich komme heute nicht zum WG-Abend, weil ich einen Abend nur für mich brauche.

„Hey, hat jemand Lust, einen Kaffee trinken zu gehen?“

„Hallo Mama. Mir geht’s gerade nicht gut.“

Raus. Einfach raus. Ein freier Kopf hat mir schon so oft geholfen.

Und der letzte Punkt ist wahrscheinlich der wichtigste…

… und gleichzeitig mein Fazit aus diesem Blogbeitrag:

Ich muss gerade nicht alles perfekt schaffen. Es ist okay, wenn ich nicht zu 100 Prozent funktioniere. Es ist okay, wenn ich Pausen brauche. Und es ist okay, wenn es mir einfach mal nicht gut geht.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Form von Selbsthilfe, die ich in dieser Zeit gelernt habe: Nicht immer sofort die perfekte Lösung finden zu müssen, sondern sich selbst mit genauso viel Mitgefühl zu begegnen, wie man es einem Menschen schenken würde, den man liebt.

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