Vielfalt ist kein Trend

Bis vor kurzem habe ich mich mit intersektionalem Feminismus vor allem im Studium beschäftigt. Dabei merke ich immer mehr, wie präsent das Thema Ungleichheit auch außerhalb der Theorie ist und wie stark mich einige gesellschaftliche Strukturen emotional beschäftigen. Besonders Fragen zu Privilegien, Gender Pay Gap und intersektionaler Diskriminierung lassen mich darüber nachdenken, wie unterschiedlich Lebensrealitäten sein können.

Für mich bedeutet Feminismus nicht nur den Blick auf Frauen, sondern den Einsatz für Gleichberechtigung aller Menschen, unabhängig von Geschlecht. Feminismus schließt dabei ausdrücklich auch Männer mit ein, weil es mir um gleiche Chancen und ein gerechteres Miteinander geht. Beim Thema Privilegien ist mir wichtig zu sagen, dass ich mich nicht persönlich für gesellschaftliche Ungleichheiten verantwortlich fühle. Vielmehr geht es darum, mir bewusst zu machen, dass mir bestimmte Hürden im Alltag oft gar nicht begegnen. Ich bin zum Beispiel selbst mit Themen wie dem Gender Pay Gap konfrontiert und merke, wie ungerecht sich solche Strukturen anfühlen. Gleichzeitig sehe ich, dass Menschen in meinem Umfeld mit Migrationsgeschichte oder anderen rassifizierten Erfahrungen häufig noch mit zusätzlichen Formen von Diskriminierung umgehen müssen, was in mir auch Wut über bestehende Ungleichheiten auslöst.

Intersektionaler Feminismus ist für mich deshalb weniger Theorie, sondern eher eine Haltung, mit der ich auf Ungleichheiten schauen möchte. Deshalb möchte ich in diesem Blog weiter auf das Thema eingehen und meine Gedanken sowie einige Tipps dazu teilen.

Ich habe mich unter anderem mit dem bereits oben genannten Gender Pay Gap beschäftigt. In Deutschland verdienen Frauen im Durchschnitt etwa 16 Prozent weniger pro Stunde als Männer, wenn man alle Erwerbstätigen betrachtet, also der unbereinigte Gender Pay Gap laut Statistisches Bundesamt.

Diese Zahl zeigt bereits eine deutliche geschlechtliche Ungleichheit. Aber sie erzählt nicht die ganze Geschichte.

Studien zu intersektionalen Lohnunterschieden machen deutlich, dass Einkommen nicht nur vom Geschlecht abhängt, sondern auch von Herkunft, Migrationsstatus und sozialer Position. Das bedeutet, dass nicht alle Frauen in gleicher Weise vom Gender Pay Gap betroffen sind. Während einige Gruppen statistisch aufholen, bleiben andere, etwa Frauen mit Migrationshintergrund, weiterhin strukturell benachteiligt.

Mir wurde klar, dass ein Feminismus, der nur in der Kategorie Frauen im Vergleich zu Männern denkt, Gefahr läuft, Ungleichheiten lediglich zu verschieben. Eine Verbesserung für einige bedeutet nicht automatisch Gerechtigkeit für alle.

Wenn Feminismus nicht dasselbe bedeutet

In Gesprächen mit Freundinnen ist mir aufgefallen, dass wir zwar alle über Ungleichheit sprechen, aber nicht immer dieselben Erfahrungen meinen.

Als weiße heterosexuelle Frau kenne ich bestimmte Formen von Sexismus, zum Beispiel anzügliche Kommentare oder das Gefühl, in Diskussionen nicht vollständig ernst genommen zu werden. Lange dachte ich, das sei die zentrale feministische Erfahrung.

Doch Freundinnen mit anderer Hautfarbe, mit Migrationshintergrund oder mit einer anderen sexuellen Orientierung berichten von Situationen, in denen sich Sexismus mit Rassismus, Queerfeindlichkeit oder kulturellen Zuschreibungen überschneidet. Ihre Erfahrungen sind nicht einfach mehr vom Gleichen, sondern qualitativ anders.

Meine Perspektive ist nicht universell. Frauen sind keine homogene Gruppe, und Gleichberechtigung sieht nicht für alle gleich aus.

Intersektionaler Feminismus bedeutet für mich deshalb, zuzuhören, besonders dann, wenn Erfahrungen von Diskriminierung nicht meinen eigenen ähneln. Es geht nicht darum, wessen Diskriminierung schwerer wiegt. Es geht darum zu erkennen, dass Befreiung nicht selektiv sein kann. Dies wird auch im Zitat der Dichterin und Aktivistin Audre Lorde deutlich:

„Ich bin nicht frei, solange irgendeine Frau unfrei ist, selbst wenn ihre Fesseln ganz anders sind als meine eigenen.“

Audre Lorde


Ich versuche, inklusiv und respektvoll zu sprechen und frage nach, wenn ich unsicher bin, wie jemand angesprochen werden möchte. So lässt sich Wertschätzung im Umgang miteinander zeigen.

 

Ich denke darüber nach, ob Kommentare über Körper, Herkunft oder Identität verletzend wirken könnten. Bevor ich etwas sage, prüfe ich, ob ein Witz oder eine Bemerkung vielleicht auf Kosten einer Gruppe geht.

 

Mir ist bewusst, dass Gleichberechtigung für Menschen unterschiedlich aussieht. Weil Erfahrungen mit Diskriminierung vielfältig sind, möchte ich meine eigene Sichtweise nicht als allgemeingültig betrachten.

 

Auch wenn Themen nicht meine eigene Lebensrealität betreffen, versuche ich, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei ist mir wichtig, unterrepräsentierten Stimmen Raum zu geben.

 

Bestimmte Schwierigkeiten erlebe ich nicht, weil ich selbst Vorteile habe. Das ist keine Schuldfrage, sondern eher eine Verantwortung, sensibel mit den Erfahrungen anderer umzugehen.

 

Wenn ich Diskriminierung wahrnehme, versuche ich, zumindest ein Zeichen zu setzen. Das kann ein ruhiges Nachfragen oder ein kurzer Hinweis sein, denn für mich gehört das zu solidarischem Verhalten.

 

Nicht jeder Raum lässt sich vollständig barrierefrei gestalten. Trotzdem frage ich mich, wer sich vielleicht nicht angesprochen fühlt oder wer in einem Raum fehlt, um meinen Blick zu erweitern.

 

Fazit

Für mich ist intersektionaler Feminismus heute viel mehr als ein Begriff aus dem Studium. Ich merke immer stärker, dass Ungleichheit im Alltag präsent ist und dass meine eigene Perspektive nicht die einzige ist. Gespräche mit anderen haben mir gezeigt, wie unterschiedlich Erfahrungen mit Diskriminierung sein können.

Deshalb versuche ich, bewusster zuzuhören, meine eigenen Privilegien zu reflektieren und sensibler mit Sprache und Situationen umzugehen. Mir geht es nicht darum, alles perfekt zu machen, sondern offen zu bleiben und weiter dazuzulernen. Für mich bedeutet Feminismus am Ende vor allem eines: aufmerksam sein, solidarisch handeln und Ungleichheiten nicht einfach hinnehmen.









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