Hast du dir schon einmal gewünscht, einen Einblick in die Psychiatrie zu bekommen? Oder vor der Einweisung in die Psychiatrie eine Vorstellung davon zu haben, wie es dort so läuft? Dann pack eine ordentliche Portion Neugierde ein, lass deine Vorurteile zu Hause und folge mir.
Ankommen & Aufnahme – der erste Schritt durch die Tür
Hallo, ich bin Alice! Komm mit! Ich gebe dir heute mal einen Einblick, wie ein Weg in die Psychiatrie aussehen kann. Ich bin eine fiktive Mitpatientin und werde dich dort herumführen.
Es ist der Tag X. Um 10 Uhr stehst du vor einer Tür: „Aufnahme“ steht mit großen Lettern am Gebäude der örtlichen Psychiatrie. Du hast einen gepackten Koffer mit dem Nötigsten dabei: Kleidung für eine gute Woche, Badartikel, Hausschuhe, etwas um dich in der freien Zeit zu beschäftigen und dein Handy. Du öffnest die Tür, suchst in deinem Rucksack deine Versichertenkarte und deinen Einweisungsschein und läufst zu dem Tresen, über dem „Anmeldung“ steht. Der Dame der Verwaltung erklärst du kurz, dass du dich heute einweisen möchtest, weil du stark überlastet bist. Du hast es bereits mit deinem Hausarzt abgesprochen. Sie nimmt deine Personalien auf und bittet dich, in einem Wartezimmer Platz zu nehmen.
Dort sitzen bereits rund fünf Personen. Zuerst ist dir ein bisschen Bange, rasch merkst du, dass alle scheinbar auf das Gleiche warten. Es sind Personen mit Koffer oder nur mit einer, für dein Gefühl, viel zu kleinen Tasche, in Begleitung oder alleine, manche in ihr Handy vertieft, in ein Buch oder einfach nur besorgt vor sich hinstarrend. Es fällt dir auf, dass die Stimmung eher gedrückt ist. Es liegt eine hohe Spannung im Wartezimmer, die nicht zulässt, zu vergessen, dass du im Wartezimmer der Aufnahme einer Psychiatrie bist.
Das Aufnahmegespräch – Fragen, die Klarheit schaffen
Immer wieder wird jemand aufgerufen, auch kommen immer wieder neue Leute herein. Insgesamt scheint es hier von allem etwas zu geben: Von einer stark geschminkten Frau mit hohen Absätzen und einer kitschigen Handtasche, über einen jungen Mann in lässiger Jogginghose, eine Mittvierzigerin in Jeans und mit offenen Haaren, die nervös die Wand anstarrt, einen seriös anmutenden Mann in Anzug mit Aktentasche, bis zu einer jungen Frau, die mit Abstand an einer Wand steht und nervös mit den Händen flattert und immer wieder versucht, sich auf den Stuhl neben sich zu setzen, um dann schon auf halber Strecke wieder aufzustehen.
Nun wirst du aufgerufen, um mit einer Ärztin zu reden. Zuerst bittet sie dich die Situation zu schildern, die dich hergeführt hat. Sie stellt dir Fragen, um ein vollständigeres Bild deiner Situation zu bekommen. Anschließend fragt sie dich, welcher Tag sei, wo du bist, wann du geboren wurdest und ob du in letzter Zeit Sachen wahrgenommen hast, die andere nicht wahrgenommen hätten. Auf deine verständnislose Nachfrage erklärt sie dir, dass sie hier auch Patienten behandeln, die Wahnvorstellungen und Halluzinationen, zum Beispiel im Rahmen einer Psychose, haben. Zuletzt wirst du gefragt, ob du mit dem Gedanken gespielt hast oder den Gedanken hast, dein Leben beenden zu wollen. Alle Fragen beantwortest du ehrlich, denn du weißt, dass du nur so die notwendige Hilfe bekommen kannst.
Nach einem nochmaligen Gang ins Wartezimmer wirst du nach etwas Wartezeit nochmal aufgerufen, damit die Ärztin dir sagt, dass du auf eine „offene“ Station kommst, wo Patientinnen und Patienten mit deinen Beschwerden sind. Du sollst ins Nebengebäude in den 3. Stock. Du sollst bei der Pflege einen großen Umschlag abgeben. Also nimmst du deinen Koffer und läufst mit dem Umschlag zu eben dieser Station.
An der Station angekommen klingelst du. Der Pfleger, der aus der offenstehenden Tür der Station kommt, dich willkommen heißt und dir den Umschlag abnimmt, stellt sich kurz vor. Er sagt dir, dass du erstmal dein Gepäck im Pflegestützpunkt stehen lassen kannst, während du dein „zurückgestelltes“ Mittagessen essen könntest. Er führt dich in einen großen Speiseraum, wo er dir ein Tablett mit einer warmen Mahlzeit aus einem Abstellraum holt. Er sagt, dass du nach dem Essen zu ihm zum Pflegestützpunkt kommen kannst. Dann würdet ihr den ganzen ‚formalen Kram‘ machen und er zeige dir dein Zimmer.
Als du gerade dabei bist, die letzten Bissen deiner Mahlzeit zu essen, kommt eine Person im Arztkittel vorbei. Sie fragt, ob du die neu aufgenommene Person bist. Nachdem du dies bestätigst, stellt er sich vor, erklärt, dass er während des Aufenthaltes ärztlich für dich zuständig ist und bittet dich, wenn du fertig bist, auf dem nächsten Gang doch kurz zur Aufnahme in sein Zimmer zu kommen. Als du versuchst ihm zu erklären, dass du zur Pflege gehen sollst, erklärt er dir, dass die gerade „Übergabe“ haben. Also dass die Pflege an die nächste Schicht weitergibt, was Wichtiges während der letzten Schicht war. Deswegen werden sie erst in einer halben Stunde wieder den Patient:innen zur Verfügung stehen. Also begleitest du den Arzt in sein Zimmer. Dort angekommen vertieft ihr nochmal die Inhalte des Aufnahmegesprächs und er macht eine kurze Familienanamnese. Er fragt dich, wie dein engster Kreis aufgebaut ist und ob es bereits andere Betroffene von psychischen Erkrankungen in deiner Familie gibt.
Nach dem Gespräch begleitet er dich zum Pflegestützpunkt, wo jetzt drei andere Pflegerinnen sitzen. Nachdem der Arzt dich kurz bittet, einen Moment zu warten und die Tür vom Pflegestützpunkt schließt, kommt eine von ihnen heraus und meint, du könntest dein Gepäck mitnehmen. Also nimmst du deinen Koffer und begleitest die Pflegerin zu einem Patientenzimmer. Unterwegs begegnen dir andere Patient:innen, die dich und die Pflegerin freundlich grüßen. Als ich gerade an euch vorbeilaufe, hält sie mich an. „Hallo Alice, das ist unsere Neuaufnahme, denken Sie daran, dass Sie die Patenschaft übernommen haben?“ „Hallo, ich bin Alice. Ich bin diese Woche für die Neuen zuständig, wenn du Fragen hast, kannst du gerne auf mich zukommen. Wenn du möchtest, zeige ich dir nachher noch ein paar Dinge auf Station. Ich bin in Zimmer 15. Wenn ich mit der Therapie fertig bin, kann ich gerne bei dir klopfen. Auf welches Zimmer kommst du?“ „Auf Zimmer X.“, antwortet die Pflegerin an deiner Stelle. Du hörst ein bisschen überrumpelt der Konversation im Gang zu, bis die Pflegerin dich bittet weiterzugehen.
An der Tür des besagten Zimmers klopft die Pflegerin. Als ihr nach einem „Herein“ durch die Tür in das Zimmer tretet, siehst du dich erst einmal um. Es ist ein relativ großzügiger Raum mit zwei hölzernen Krankenhausbetten, jeweils eines rechts und links an der Wand. Neben den Betten steht jeweils ein relativ großer Schrank. In der Mitte des Raumes befindet sich ein Tisch mit zwei Stühlen und vorne ist eine Nasszelle mit Dusche und Toilette. „Hi, ich bin […]. Wir teilen uns das Zimmer hier. Ich muss jetzt zur Therapie.“
Die Pflegerin setzt sich an den Tisch und bittet dich, dich auch zu setzen, dann arbeitet ihr euch zusammen durch einen Stapel Blätter: Essensplan, Stationsregeln zum Unterschreiben, Behandlungsvertrag, Entlassmanagement… Sie erklärt dir, dass du persönliche Sachen abgeben könntest, von denen du Sorge hast, dass sie wegkommen, und dass du Wertsachen entweder abgeben, im Schrank einschließen oder sorgfältig im Blick haben solltest. Das Fotografieren sei in der Psychiatrie verboten und das Handy solle bitte bei den Therapien aus sein. Sie fragt dich, ob du Medikamente dabei hast und erklärt dir, dass du nur die einnehmen darfst, die von der Pflege ausgegeben werden. Wenn du Unterstützung brauchst, könnest du dich jederzeit an die Pfleger:innen wenden. Sie haben mehrfach am Tag „Übergaben“, sind aber ansonsten rund um die Uhr für die Patient:innen verfügbar. Wenn es um belastende Themen geht, solltest du davon absehen, darüber mit den Mitpatient:innen zu sprechen. Wenn es einen Notfall gäbe und du oder jemand anderes dringend von der Pflege Unterstützung bräuchte, gäbe es in allen Räumen und an den Betten einen roten Knopf und in der Dusche eine rote Schnur, mit denen das Pflegepersonal gerufen werden könne. Bei Übergaben könne in Notfällen am Pflegestützpunkt auch geklopft werden. Die Tür der Station stünde grundsätzlich immer von 8 Uhr bis 20 Uhr offen, die Teilnahme an den Therapien und den Mahlzeiten sei verpflichtend und beim Verlassen der Station müsse man sich immer in ein Buch am Ausgang eintragen, damit die Pfleger:innen nachschauen könnten, wo die Patient:innen seien.
Die Therapien würden teilweise im Untergeschoss stattfinden oder in dem Nebengebäude. Momentan müsse der Arzt dich noch zu den Therapien anmelden, sodass du erst einmal nur einmal in der Woche ein Gespräch mit der Therapeutin und mindestens einmal in der Woche ein Gespräch mit dem Arzt hättest. Alles andere würde dann so langsam anlaufen. Dir würde noch eine oder ein Bezugspfleger:in zugeteilt werden. In den nächsten Tagen würdest du noch die für dich zuständige Psychotherapeutin kennenlernen.
Später zeige ich als deine Patin dir dann noch die Station, den Aufenthaltsraum, die Patientenküche und stelle dir noch ein paar Mitpatient:innen vor. Bis das dann auch irgendwann so viel ‚Gekennenlerne‘ und Informationen am ersten Tag sind, dass niemand alles behalten kann und du dich erschöpft zurückziehst.
Alltag & Verbindung – wie ‚Bilder‘ aus der Zeit dort aussehen könnten
Letztendlich kommst du Stück für Stück auf Station an und lernst die Mitpatient:innen kennen. Der weitere Verlauf kann sehr von deinen Diagnosen, der Klinik und Vielem mehr abhängen. Wie du schon erfahren hast, ist Fotografieren auf der Station nicht erlaubt. Ich möchte dir deshalb mit Worten beschreiben, wie Bilder von deiner Zeit dort aussehen könnten:
Abends lachend bei gemeinsamen Kartenspielen mit vier weiteren Mitpatient:innen.
Du im Gespräch mit der Psychotherapeutin, mit einem Block, auf dem du immer wieder etwas für dich notierst.
Du im Aufenthaltsraum an einem Vierertisch mit Mitpatient:innen zu Mittag essend.
Du in der Arbeitstherapie in der Gärtnerei wie du eine Pflanze umtopfst.
Du, schlafend in der Progressiven Muskelrelaxation am Morgen.
Du, wie du abends mit zwei Mitpatient:innen von einem Kinobesuch zurückkommst.
Du, wie du im Aufenthaltsraum sitzt und puzzelst.
Du, wie du probeweise nach drei Wochen in deine Wohnung zuhause zurückkehrst, um dort eine Nacht zu verbringen.
Du, wie du eine weinende Mitpatientin auf dem Gang auffindest und sie zur Pflege begleitest.
Du einige Stunden später mit derselben Mitpatientin draußen auf einer Bank sitzend und über einen Witz lachend.
Du mit gepackten Koffern im Aufenthaltsraum am Entlasstag.
Du, wie du dich von einigen Mitpatienten unter Tränen verabschiedest und mit ihnen Nummern austauschst.
Und dann…
Du, wie du in ein paar Monaten nach Entlassung mit zwei Mitpatient:innen in einem Café sitzt und ihr miteinander redet.
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